Geschichte

Warum in der Wachau Wein wächst: eine kurze Geschichte

Klöster, Steinterrassen, ein verhindertes Kraftwerk und ein Welterbe: wie aus einem engen Donautal eine der bekanntesten Weinlandschaften Europas wurde und warum Klima und Boden dabei mitspielen.

8 MinutenAktualisiert am 25. September 2026

Ein Tal mit ungewöhnlich klaren Grenzen

Wir wohnen in Mautern, genau dort, wo sich das Donautal nach Osten öffnet. Von hier sieht man jeden Tag, was die Wachau ausmacht: steile Hänge, Mauern aus Stein, Reben bis weit hinauf und dazwischen der Fluss. Wer hier lebt, fragt sich irgendwann, warum ausgerechnet in diesem engen Tal so viel Wein wächst und seit wann eigentlich.

Die Wachau ist das Donautal zwischen Melk und Krems, gut 30 Kilometer Stromstrecke. Erstmals erwähnt wird die Gegend 830, als König Ludwig der Deutsche Land in der Wachau an das bayerische Kloster Niederalteich übertrug. Die Vinea Wachau zählt sie zu den am genauesten abgegrenzten Landschaften Europas, und ihre Geschichte ist bis heute in der Landschaft sichtbar.

Römerzeit: Favianis und der heilige Severin

Die Vinea Wachau führt die Tradition des Weinbaus bis in die Zeit der römischen Besiedlung zurück. Die Donau war damals Grenze des Römischen Reiches. Unser Mautern hieß Favianis und war ein Kastell an diesem norischen Limes, errichtet auf einer alten Hochterrasse nahe am Wasser.

In Favianis starb 482 der heilige Severin. Seine Lebensbeschreibung durch Eugippius gilt als eines der eindrücklichsten Zeugnisse für das spätantike Leben an der Donaugrenze. Seit 2021 gehören die Reste des Kastells zum UNESCO-Welterbe Donaulimes. Die Lebensbeschreibung, um 511 verfasst, nennt einen Ort nahe Favianis, an den sich Severin zurückzog und der ad vineas hieß, also bei den Weingärten. Das ist ein früher Hinweis auf Weinbau in der Gegend um 470. Wie groß die Rebflächen damals waren, lässt sich daraus nicht ablesen.

Um 800: Klöster bauen die Terrassen

Laut UNESCO begann die Rodung der natürlichen Wälder schon in der Jungsteinzeit. Die große Veränderung kam aber erst um 800: Bayerische und Salzburger Klöster begannen damals, die Hänge der Wachau zu bewirtschaften, und legten damit das Muster der Weinterrassen an, das bis heute sichtbar ist.

Unter den Karolingern erlebte der Wachauer Weinbau eine erste Blütezeit, im Mittelalter waren die Weine bereits weit über die Grenzen Österreichs hinaus bekannt. Viele Riednamen, die heute auf Etiketten stehen, lassen sich laut Vinea Wachau bis ins 13. Jahrhundert zurückverfolgen. Oft erzählen sie noch von der Beschaffenheit des Weingartens, von früheren Besitzern oder von historischen Ereignissen.

Auch der Name Vinea Wachau hat mittelalterliche Wurzeln. Er geht laut Vinea Wachau auf Leuthold I. von Kuenring (1243 bis 1312) zurück, der als oberster Schenk in Österreich galt. Das Herzstück seiner Besitzungen entsprach ungefähr dem heutigen Weinbaugebiet.

Auf und Ab über die Jahrhunderte

Ganz so geradlinig wie auf den Postkarten verlief die Geschichte nicht. Die UNESCO beschreibt, dass die Rebfläche über die Jahrhunderte schwankte: mit dem Klima, mit dem Weinmarkt und im 17. Jahrhundert mit akutem Arbeitskräftemangel und steigenden Löhnen.

Im 18. Jahrhundert wurde der Weinbau an den Hängen gezielt dort gefördert, wo die Bedingungen am besten waren. Andere Flächen wurden zu Weideland, und im oberen Teil der Wachau gab man den Weinbau damals ganz auf. Bis heute prägt das wechselnde Verhältnis von Weingärten und Obstgärten, vor allem mit Marillen, das Bild des Tals. Es hängt nach wie vor eng an den Märkten für beide Produkte.

Auch die Orte selbst sind alt. Die Grundrisse der Wachauer Orte stammen aus dem 11. und 12. Jahrhundert, die Straßenzüge sind seit dem Spätmittelalter kaum verändert. Die typischen länglichen Winzerhöfe mit Tormauern und gewölbten Durchfahrten gehen auf das Spätmittelalter und das 16. und 17. Jahrhundert zurück.

Warum hier überhaupt Wein wächst: Klima

Die Wachau liegt an einer Klimagrenze. Von Osten reicht die warme, trockene pannonische Klimazone wie eine Zunge ins Tal hinein. Gleichzeitig strömen von den Höhen des Dunkelsteiner Waldes im Süden und des Waldviertels im Norden kühlere, feuchtere Luftmassen durch die kleinen bewaldeten Seitentäler herunter, die man hier Gräben nennt.

Das ergibt eine fast ständige Luftbewegung und einen deutlichen Wechsel zwischen warmen Tagen und kühlen Nächten. Die Vinea Wachau sieht darin einen der Gründe für das ausgeprägte Bukett der Wachauer Weine. Für uns erklärt es auch, warum ein Riesling aus einem kühlen Graben so anders schmecken kann als einer von einem warmen Hang direkt an der Donau.

Warum hier überhaupt Wein wächst: Boden

Auf den Bergterrassen liegen verwitterte Urgesteinsböden, karg und steinig. Weiter unten im Tal überdecken stellenweise kleine Lössinseln das Gestein und gehen in leichte, sandige Böden über. Die Reben reichen auf den Terrassen bis auf etwa 450 Meter Seehöhe, rund 250 Meter über der Donau.

Auf diesen kargen Böden trägt ein Rebstock nur wenige Trauben. Genau das bringt aber die Dichte und Klarheit, für die Wachauer Wein bekannt ist. Die Vinea Wachau nennt den Boden deshalb neben dem Klima das zweite Geheimnis der Region.

Stein auf Stein: die Trockenmauern

Mehr als 40 Prozent der Wachauer Rebfläche liegen auf Terrassen. Getragen werden sie von rund 2,5 bis 3 Millionen Quadratmetern Trockensteinmauern, gebaut ganz ohne Mörtel, vor allem aus Paragneis, Marmor und Gföhler Gneis. Ohne diese Mauern ließen sich Hänge mit bis zu 60 Prozent Gefälle gar nicht bewirtschaften.

Die Mauern schaffen nicht nur ebene Fläche. Sie halten die dünne Humusschicht am Berg, die sonst abgeschwemmt würde, und sie speichern Wärme und Wasser. Gleichzeitig sind sie Lebensraum: In ihnen leben laut Vinea Wachau doppelt so viele Tierarten wie in den Weingärten selbst, darunter die Smaragdeidechse, nach der die Stilstufe Smaragd benannt ist.

Gebaut wird bis heute von Hand, meist im Winter, mit Steinen aus der Umgebung oder aus eingestürzten Mauern. Wenn man beim Wandern eine frisch gesetzte Mauer neben einer jahrhundertealten sieht, versteht man, warum Arbeit in diesen Lagen so viel Zeit kostet.

1972: Die Wachau wehrt sich gegen ein Kraftwerk

Dass die Wachau heute so aussieht, war keine Selbstverständlichkeit. Ende 1971 wurden konkrete Pläne für ein Donaukraftwerk zwischen Dürnstein und Weißenkirchen vorgestellt, auf der Höhe von Rossatz-Rührsdorf. Laut ORF wäre der Wasserspiegel um rund sechs Meter gestiegen, der Rückstau hätte 25 Kilometer bis Richtung Melk gereicht.

1972 gründete sich der Arbeitskreis zum Schutz der Wachau. Mehr als 60.000 Menschen unterschrieben gegen das Kraftwerk, auch Nobelpreisträger Konrad Lorenz warnte öffentlich. Schon 1973 sagte die Bundesregierung unter Bruno Kreisky zu, Alternativen ohne Staustufe prüfen zu lassen. Endgültig verzichtet wurde auf das Donaukraftwerk Wachau aber erst 1983. Ohne diesen Widerstand wäre die Uferlandschaft, die heute zum Welterbe gehört, wohl erheblich verändert worden.

Von der Vinea Wachau zum Welterbe

1983 gründeten Wachauer Winzer die Vinea Wachau Nobilis Districtus. Die Mitglieder verpflichten sich seither freiwillig, keine Trauben oder Weine aus anderen Gebieten zuzukaufen. Ab 1984 wurden die Marken Steinfeder, Federspiel und Smaragd geschaffen, für trockenen Weißwein ohne Anreicherung und ohne spürbaren Holzeinfluss.

Im Jahr 2000 nahm die UNESCO die Kulturlandschaft Wachau in die Welterbeliste auf. Begründet wird das damit, dass hier eine im Kern mittelalterliche Landschaft mit Architektur, Siedlungen und Weinbau organisch gewachsen und bemerkenswert gut erhalten geblieben ist. Das Welterbegebiet umfasst heute 18.462 Hektar, mit den Stiften Melk und Göttweig und den Altstädten von Krems und Stein.

Mit der Wachau DAC kam schließlich ein gesetzliches Herkunftssystem mit Gebietswein, Ortswein und Riedenwein dazu. Dabei gilt: Wo Wachau DAC am Etikett steht, wurden die Trauben mit der Hand gelesen.

Was das für den nächsten Besuch bedeutet

Wer die Geschichte kennt, sieht die Wachau anders. Die Terrassen sind kein Dekor, sondern das Ergebnis jahrhundertelanger Arbeit. Ein Riedname am Etikett ist oft ein Stück Mittelalter. Und für jeden Wein, der als Wachau DAC verkauft wird, ist Handlese Pflicht, auch dort, wo eine Lesemaschine fahren könnte.

Unser Tipp: Einmal zu Fuß durch die Terrassen gehen, am besten im Herbst, und dann am Abend genau diesen Wein aus genau dieser Ried im Glas haben. Mehr Geschichte schmeckt man selten.

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