Gleich gegenüber von Mautern
Von Mautern aus sind es nur ein paar Minuten über die Donaubrücke nach Stein und Krems. Und im Süden sehen wir jeden Tag das Stift Göttweig auf seinem Berg. Das Kremstal ist für uns also kein fernes Weinbaugebiet, sondern die unmittelbare Nachbarschaft. Seine Geschichte ist eng mit der Wachau verwoben und doch eine eigene: Hier ging es von Anfang an nicht nur ums Anbauen, sondern auch ums Handeln.
Heute umfasst das Kremstal laut Österreich Wein rund 2.242 Hektar Rebfläche. Grüner Veltliner steht auf 59 Prozent davon, Riesling und Zweigelt folgen mit jeweils rund 11 Prozent.
Frühe Spuren und die Rückkehr des Weins
Die Gegend ist uralt besiedelt. Das Land Niederösterreich nennt altsteinzeitliche Funde am Hundssteig und am Wachtberg in Krems aus der Zeit von etwa 30.000 bis 25.000 vor Christus. Terrassen, Klima und die Lage an einem Handelsweg entlang der Donau haben Menschen hier seit Jahrtausenden angezogen.
Ein früher Hinweis auf Weinbau stammt aus der um 511 verfassten Lebensbeschreibung des heiligen Severin. Sie nennt einen Ort nahe dem römischen Kastell Favianis, dem heutigen Mautern, der ad vineas hieß, also bei den Weingärten. In der Völkerwanderungszeit verloren sich diese Anfänge wieder. Einen neuen Aufschwung gab es erst nach den Awarenkriegen Karls des Großen um 800, als bayerische Bistümer und Klöster hier Land erhielten.
995: Krems taucht auf, Stein wird Umschlagplatz
Krems wird erstmals am 9. August 995 in einer Urkunde Kaiser Ottos III. als Chremisa erwähnt. Die Schwesterstadt Stein folgt 1072. Stein war vor allem eine Maut- und Ladestätte für Salz, Wein und Getreide, und ein Zolltarif von Stein aus der Zeit um 1200 nennt Kaufleute aus Passau, Regensburg, Köln, Aachen, Schwaben und Italien.
1305 erhielten Krems und Stein ein gemeinsames Stadtrecht. Die wirtschaftliche Blüte im Spätmittelalter beruhte laut Land Niederösterreich auf dem Weinbau und dem Handel mit Wein, Salz und Eisen. Aus dem Jahr 1536 stammt das landesfürstliche Mauthaus in Stein, 1548 erließ König Ferdinand I. eine eigene Weingartenordnung für den Kremser Raum.
Die Klöster und ihre Lesehöfe
Wer durch die Altstädte von Krems und Stein geht, stößt immer wieder auf Namen wie Passauer Hof, Kremsmünstererhof oder Göttweigerhof. Das sind laut Land Niederösterreich die seit dem Hochmittelalter nachweisbaren Lesehöfe von Klöstern und Bistümern. Sie dienten dazu, den Wein aus den eigenen Weingärten zu lagern und den Besitz vor Ort zu verwalten.
Wie viele Klöster genau Weingärten rund um Krems besaßen, geben die Quellen unterschiedlich an: Das Weinkomitee Kremstal spricht von 54 Klöstern und Stiften im Lauf der Geschichte, die Winzer Krems von über 40. Sicher ist, dass es Dutzende waren, und zwar aus weiten Teilen Mitteleuropas.
Das nächstgelegene und bekannteste ist Stift Göttweig, 1083 vom Passauer Bischof Altmann gegründet. Laut dem Weingut des Stifts sind Weingärten schon in der Gründungsurkunde verzeichnet. Göttweig richtete eigene Lesehöfe ein, unter anderem in Stein und in Furth.
Zunft, Krisen und Erfindungen
Die Kremser Hauerinnung wird im 15. Jahrhundert erstmals urkundlich genannt. Die Stadt Krems nennt 1447, das Land Niederösterreich 1477. Sie gilt als älteste bekannte Winzerzunft Österreichs.
Nicht jede Epoche war golden. Laut Weinkomitee Kremstal konnte die Stadt Krems 1772 nicht einmal zehn Prozent des vorhandenen Weins verkaufen, unter anderem wegen Zollbeschränkungen jener Zeit. Aus dem 19. Jahrhundert stammt ein ganz praktisches Erbe: 1849 entwickelte der Kremser Zeugschmied Johann Keusch die Kremser Rebschere, für die er 1850 ein k.k. Privileg erhielt.
Seit 1875 bildet die Weinbauschule Krems Winzerinnen und Winzer aus. 2025 feierte sie ihr 150-jähriges Bestehen.
Das 20. Jahrhundert: Genossenschaft und Hochkultur
1938 wurde die Winzergenossenschaft in Krems gegründet, heute Winzer Krems. Zu ihrer Geschichte gehört auch ein dunkles Kapitel, das die Genossenschaft selbst offenlegt: Teile des Weinguts in der Sandgrube gehörten bis 1938 dem jüdischen Weinhändler Paul Robitschek und seiner Mutter Johanna. Robitschek floh, das Weingut wurde arisiert und 1939 von der Genossenschaft erworben. Ein Restitutionsverfahren endete 1949 mit einem Vergleich. Laut Winzer Krems hat das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes diese Geschichte von 2018 bis 2020 wissenschaftlich aufgearbeitet.
Aus Rohrendorf, am östlichen Rand des Kremstals, kam eine Neuerung, die den Weinbau in ganz Österreich verändert hat. Lenz Moser experimentierte in den 1920er-Jahren im väterlichen Betrieb mit einer höheren Erziehungsform der Reben, der Hochkultur. 1929 gründete er eine eigene Rebschule, 1951 stellte er die Hochkultur in Rohrendorf öffentlich vor. Laut Land Niederösterreich ermöglichte sie eine bessere Belichtung und Belüftung der Stöcke, eine mechanisierte Bearbeitung und niedrigere Anlagekosten. Heute ist sie in Österreich weit verbreitet.
Warum hier Wein wächst: Urgestein und Löss
Das Kremstal liegt am südöstlichen Bogen von Waldviertel und Dunkelsteiner Wald, einem Mittelgebirge aus kristallinem Gestein. Nördlich der Donau dominieren Paragneis mit Amphibolit- und Granitgneiszügen und Gföhler Gneis, südlich der Donau Granulit.
Weil das Gebiet auf der windabgewandten Seite dieses Gebirges liegt, haben sich hier weit verbreitete und teils sehr dicke Lössschichten abgelagert. Daraus ergibt sich die typische Zweiteilung: Auf den Urgesteinsverwitterungsböden rund um die Stadt Krems wachsen laut Österreich Wein bestens geeignete Rieslinge, auf den Lössterrassen etwa in Rohrendorf und Gedersdorf eher runde, füllige Veltliner.
Warum hier Wein wächst: Klima
Das eingeschnittene Flusstal ist gut gegen die kühlen Nordwinde geschützt, während die Ausläufer des warmen pannonischen Klimas von Osten her noch deutlich zu spüren sind. Vom Waldviertler Hochland kommen kontinentale, kühlere Einflüsse dazu, und die Donau wirkt dazwischen ausgleichend.
Das erklärt, warum das Kremstal im Glas so vielseitig ist: Je nachdem, ob ein Weingarten am Urgesteinshang über der Stadt oder auf dem Löss weiter östlich liegt, kann derselbe Grüne Veltliner straff oder üppig ausfallen.
Vom Gebietsnamen zur Kremstal DAC
Der Name Kremstal ist jünger, als man denkt. Das Gebiet hieß bis 1985 schlicht Krems, gehörte mit dem Weingesetz 1985 zum Gebiet Kamptal-Donauland und heißt seit der Weingesetznovelle 1993 Kremstal.
Seit dem Jahrgang 2007 gibt es die Kremstal DAC für Grünen Veltliner und Riesling, heute gegliedert in Gebietswein, Ortswein und Riedenwein, dazu die Reserve mit mindestens 13 Prozent Alkohol.
Was man davon heute noch sieht
Das Schöne am Kremstal: Die Geschichte ist nicht im Museum eingesperrt. Die Lesehöfe stehen mitten in der Altstadt, und das Stift thront über Furth. Wer in Stein die Steiner Landstraße entlanggeht, bewegt sich durch eine Stadt, die der mittelalterliche Weinhandel geprägt hat.
Unser Tipp: Einen Spaziergang durch Stein und die Kremser Altstadt mit einem Glas Riesling vom Urgestein und einem Veltliner vom Löss verbinden. Dann schmeckt man die Zweiteilung, von der oben die Rede war.